Schaltwirbel (Übergangswirbel) im Kreuz-Lendenbereich

Wie beeinflussen sie die Entwicklung der Hüftgelenke ?

Bei der Untersuchung auf Hüftgelenksdysplasie (HD) finden sich immer wieder Hunde, bei denen zwischen Lende und Kreuz ein missgebildeter Wirbel auftritt. Die Missbildung zeigt sich v.a. in unterschiedlichen Querfortsätzen. Diese können einseitig oder beidseitig verformt sein und unterschiedlich Kontakt mit dem Becken haben. Zusätzlich kann die Verbindung zwischen Wirbelsäule und Becken auf einer Seite verschoben oder verkürzt sein. Der verformte Wirbel wird als Schaltwirbel oder Übergangswirbel bezeichnet. Bei einigen dieser Hunde sind auch die beiden Hüftgelenke nicht gleich ausgebildet.

Abbildung 1 zeigt die normale Anatomie der Hüftgelenke und des Überganges zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein, Abbildung 2 einen asymmetrischen Schaltwirbel und eine unterschiedliche HD-Ausprägung links - rechts.

Abb.1: Becken eines Berner Sennenhundes mit normal ausgebildetem letztem Lendenwirbel (L7). Der Wirbel zeigt rechts und links einen freien Querfortsatz. Das Becken ist symmetrisch dargestellt, die Hüftgelenke auf beiden Seiten gleichartig entwickelt.Abb.1: Becken eines Berner Sennenhundes mit normal ausgebildetem letztem Lendenwirbel (L7). Der Wirbel zeigt rechts und links einen freien Querfortsatz. Das Becken ist symmetrisch dargestellt, die Hüftgelenke auf beiden Seiten gleichartig entwickelt.

Becken eines Cocker Spaniels mit einem asymmetrischen und leicht verkippten Schaltwirbel. Der rechte Querfortsatz (re) hat breitflächig Kontakt mit dem Becken, der linke (li) ist frei. Das Becken ist nach rechts gekippt, gut erkennbar an den unterschiedlich breiten Beckenschaufeln (BS). Der rechte Oberschenkelkopf ist weitgehend aus der Pfanne gerutscht und kaum noch überdacht, das Pfannendach ist eingezogen, der vordere Pfannenrand abgeflacht (HD E). Auch der linke Oberschenkelkopf ist zu wenig überdacht, die Gelenkspfanne aber viel weniger verformt als rechts (HD C).Becken eines Cocker Spaniels mit einem asymmetrischen und leicht verkippten Schaltwirbel. Der rechte Querfortsatz (re) hat breitflächig Kontakt mit dem Becken, der linke (li) ist frei. Das Becken ist nach rechts gekippt, gut erkennbar an den unterschiedlich breiten Beckenschaufeln (BS). Der rechte Oberschenkelkopf ist weitgehend aus der Pfanne gerutscht und kaum noch überdacht, das Pfannendach ist eingezogen, der vordere Pfannenrand abgeflacht (HD E). Auch der linke Oberschenkelkopf ist zu wenig überdacht, die Gelenkspfanne aber viel weniger verformt als rechts (HD C).

Aus genetischer Sicht sollten beide Hüftgelenke gleich ausgebildet werden, auch Umwelteinflüsse wie die Fütterung des Hundes sollten keinen Einfluss haben. Höchstens eine frühere Verletzung oder eine chronische Überbelastung des einen Hüftgelenks könnten diesen Befund erklären. Es stellt sich deshalb die Frage, ob der Schaltwirbel für die ungleiche Entwicklung der Hüftgelenke verantwortlich sein kann. Dazu wurden die Röntgenbilder von 4000 zufällig ausgewählten Hunden aus dem Bilderfundus der HD-Kommission Zürich untersucht. Insbesondere nachgegangen wurde folgenden Fragen:

  1. Wie viele Hunde weisen einen Schaltwirbel auf?
  2. Wie stark unterscheiden sich die beiden Hüftgelenke bezüglich HD im Durchschnitt bei Hunden ohne und solchen mit Schaltwirbel?
  3. Wie ist der Unterschied zu erklären?
  4. Kann ein Hund mit Schaltwirbel zur Zucht eingesetzt werden?

Von den 4000 Hunden aus 144 verschiedenen Rassen wiesen 138 oder knapp 3.5% einen Schaltwirbel auf. Je nach Rasse variierte die Häufigkeit zwischen 0 und 19 %.

Die Hüftgelenke der Hunde ohne Schaltwirbel waren rechts und links mehrheitlich gleichartig ausgebildet und zwar sowohl bei Hunden mit normalen wie auch dysplastischen Gelenken. Die Gelenke unterschieden sich im Durchschnitt lediglich um 1/10 HD-Grad.

Ein anderes Bild zeigte sich bei den 138 Hunden mit Schaltwirbel. Bei den 68 Hunden mit einem symmetrischen, also auf beiden Seiten gleichartig fehlbebildeten Schaltwirbel bestand in der Regel ebenfalls kein Unterschied im HD Grad zwischen rechtem und linkem Hüftgelenk. Die vereinzelt beobachtete Differenz im HD-Grad war meistens auf eine Lockerheit der Hüftgelenke, die sich unterschiedlich stark darstellte, oder auf ein verkipptes Becken während dem Röntgen zurückzuführen. Bei den 48 Hunden mit einem asymmetrischen Schaltwirbel hingegen zeigten die 33 Hunde mit einem leicht asymmetrischen Schaltwirbel bereits eine Unterschied zwischen den beiden Hüftgelenken von durchschnittlich einem halben HD-Grad. Bei den 15 Hunden mit ausgeprägt asymmetrischem Schaltwirbel war der Unterschied mit 1 bis 2 HD-Graden stärker ausgebildet. Beim schlechteren Gelenk waren eine ungenügende Pfannentiefe und eine übermässigen Lockerheit auffällig. Gleichzeitig war häufig das Becken um seine Längsachse gekippt, meistens verbunden mit einem Beckenhochstand auf jener Seite, wo der Schaltwirbel den stärkeren Beckenkontakt zeigte.

Die Verkippung des Beckens erklärt die unterschiedliche Ausformung der beiden Hüftgelenke.

Als Folge davon rutscht der eine Oberschenkelkopf etwas aus der Pfanne, diese wird an ihrem Rand übermässig belastet und bildet sich nicht richtig aus, das Hüftgelenk wird dysplastisch. Auf der Gegenseite hingegen bleibt der Kopf tief in der Pfanne sitzen, es bildet sich ein gutes Hüftgelenk aus. Dieser Einfluss der Beckenstellung auf die Entwicklung des Hüftgelenks wird übrigens bei Hunden mit lockeren, aber noch arthrosefreien Hüftgelenken therapeutisch genutzt in der Methode der Beckenschwenk-Osteotomie oder Tripel-Pelvic-Osteotomy. Bei einem Hund mit einem asymmetrischen Übergangswirbel und einer Neigung zu HD entwickeln sich wegen der unterschiedlichen Überdachung verschieden schwere HD-Grade. Der Gutachter kann aber nicht unterscheiden, ob ein Hund wegen seiner Beckenschiefstellung oder seiner genetischen Veranlagung eine HD ausgebildet. Wir bewerten deshalb die Hüftgelenke eines Hundes mit einem Schaltwirbel genau gleich wie jene eines Hund ohne Schaltwirbel, obwohl möglicherweise nicht eine genetisch bedingte HD vorliegt.

Hunde mit einem Schaltwirbel zur Zucht zu verwenden, ist nicht risikolos. Da Schaltwirbel nur bei rund 3.5% aller Hunde auftreten und von diesen nur die asymmetrischen HD-gefährdet sind, verbleiben bloss 1.2% der untersuchten Hunde als Risikogruppe. Dieser geringe Aderlass ist in den meisten Rassen problemlos zu verkraften. Bei jenen Rassen, bei denen mehr Hunde von einem asymmetrischen Schaltwirbel betroffen sind, sollte der Zuchteinsatz individuell abgeklärt werden. Offen bleibt die Frage, ob Hunde mit einem Schaltwirbel grundsätzlich zur Zucht gesperrt werden sollten, da sie eine Missbildung aufweisen, von der wir vermuten, dass sie eine genetische Grundlage hat und die gehäuft zum Krankheitsbild der Cauda equina Kompression führt.

GRSK. e.V.

Prof. Mark Flückiger, Dr. Natascha Damur-Djuric, Prof. Joe Morgan, Prof. Michael Hässig und PD Dr. Frank Steffen, Vetsuisse Fakultät der Universität Zürich, Schweiz

Dieser Artikel ist ein Teil der Dissertationsarbeit von Frau Dr. Damur-Djuric. Die Studie wurde freundlicherweise von der Albert Heim Stiftung finanziell unterstützt.