Übergangswirbel im Kreuz-Lendenbereich – Sind sie verantwortlich für Rückenschmerzen (Cauda equina Syndrom)?

 

Mark Flückiger, Natascha Damur-Djuric, Joe Morgan, Michael Hässig und Frank Steffen

Vetsuisse Fakultät der Universität Zürich

 

In der tierärztlichen Praxis werden immer wieder Hunde vorgestellt, die beim ins Auto springen, beim Treppen steigen oder bei der Mannarbeit plötzlich aufschreien, die Aufgabe unterbrechen oder verweigern und anschliessend lahmen. Bei der genaueren Untersuchung stellt sich oftmals heraus, dass sie an einem sogenannten Cauda equina Syndrom (CES) leiden. Darunter verstehen wir ein Einklemmen oder eine Entzündung von Nerven am Übergang der Lendenwirbelsäule zum Kreuzbein. Im Volksmund wird dieses Phänomen treffend als Hexenschuss umschrieben. Das Syndrom kann in verschiedenen Schweregraden und Formen auftreten, abhängig davon, welche Nerven wie stark betroffen sind. Bei erkrankten Hunden werden dann auch unterschiedliche Befunde erhoben, zum Beispiel:

 

Der Verdacht eines CES wird in der Regel durch eine Röntgenkontrastuntersuchung oder durch ein Computertomogramm oder eine Magnetresonanztomogramm erhärtet. Auf einer Röntgenaufnahme ohne Kontrast hingegen kann die Diagnose nicht gestellt werden, da die Nerven selber nicht sichtbar sind.

 

Bei der Untersuchung betroffener Hunde hat unser Neurologe, Dr. Frank Steffen, beobachtet, dass viele von ihnen zwischen Lende und Kreuzbein einen missgebildeten Wirbel, einen so genannten Übergangswirbel oder Schaltwirbel aufwiesen. Er vermutete - und Anhaltspunkte dafür sind auch in der Literatur zu finden - dass diese Missbildung das Auftreten eines CES begünstigt.

 

Seine Beobachtung löste einen ganze Kette von Fragen aus, die wir zu beantworten versuchten, nämlich:

 

Zur Beantwortung dieser Fragen wurden die Röntgenbilder von 4000 Hunden aus 144 verschiedenen Rassen, die der HD-Kommission in Zürich zur Beurteilung der Hüftgelenke vorgelegt worden waren, nachuntersucht. Glücklicherweise konnte ohne Schwierigkeiten auf die grosse Röntgenbildersammlung der HD-Kommission zurückgegriffen werden. Alle Angaben zum Hund wurden anonymisiert, die Identität der Hunde wurde nicht offen gelegt, es wurden ausschliesslich statistisch nutzbare Daten, wie Rasse, Alter und Geschlecht erhoben.

 

Bevor wir unsere Ergebnisse betrachten und diskutieren, einige Informationen zur Anatomie. Die Wirbelsäule besteht aus einzelnen Wirbeln. Zwischen den Wirbelkörpern liegt eine Zwischenwirbelscheibe (Diskus). Kleine Wirbelgelenke am Wirbelbogen verbinden die                                                            Wirbelkörper untereinander. Die Wirbel selber sind je nach Körperregion unterschiedlich geformt. Eine Besonderheit bildet das Kreuzbein, das bei normalen Hunden aus 3 miteinander verwachsenen Wirbeln besteht. Es verbindet die Wirbelsäule mit dem Becken (Abb. 1).

 

Ein Übergangswirbel ist ein missgebildeter Wirbel zwischen der Lendenwirbelsäule und dem Kreuzbein. Er zeigt Eigenschaften von beiden Wirbelsäulenabschnitten und wird deshalb als Übergangswirbel oder Schaltwirbel bezeichnet. Übergangswirbel werden bei vielen Tierarten und auch beim Menschen beobachtet. In der wissenschaftlichen Literatur finden sich Hinweise, die besagen, dass Übergangswirbel beim Hund ein CES begünstigen können. Der Grund ist vermutlich eine Schädigung der Zwischenwirbelscheibe zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein und als Folge davon ein Schädigung von Rückenmarksnerven, welche dort austreten.

 

Was haben unsere Untersuchungen ergeben? Von den 4000 untersuchten Hunden wiesen 138 oder rund 3.5 % einen Übergangswirbel auf. Gehäuft waren Übergangswirbel beim Deutschen Schäferhund und beim Grossen Schweizer Sennenhund zu finden. Extrem häufig kam die Veränderung bei Shar-Pei vor, wo jeder 5. Hund betroffen war. Allerdings konnten wir nur 26 Vertreter dieser Rasse untersuchen. Selten hingegen waren Übergangswirbel bei Golden und Labrador Retriever, und überhaupt nicht zu finden waren sie beim Appenzeller Sennenhund und beim Tervueren. Die Zahlen in Tabelle 1 sollen einen Überblick über ihre Häufigkeit geben. In der Tabelle sind nur Rassen erwähnt, von denen mindestens 50 Hunde untersucht werden konnten (Tab. 1). Deshalb ist der Shar-Pei dort nicht aufgeführt.

 

Die Missbildung dieser Übergangswirbel ist sehr variabel. Deutlich unterschieden sich die Querfortsätze, bei denen wir 3 verschiedene Typen beobachten konnten:

Übergangswirbel, welche rechts und links denselben Typ Fortsätze trugen, wurden als symmetrische, solche mit unterschiedlichen Fortsätzen, als asymmetrische Übergangswirbel bezeichnet. Symmetrische und asymmetrische traten praktisch gleich häufig auf (Abb. 2)

 

Welche Schlüsse können wir aus unseren Ergebnissen ziehen? Übergangswirbel kommen relativ häufig vor, die einzelnen Rassen sind aber sehr unterschiedlich betroffen. Das gehäufte Auftreten in einzelnen Rassen deutet auf eine erbliche Veranlagung hin. Allerdings ist im Moment weder der Erbgang noch die Heritabilität (d.h. der Einfluss der Gene auf das Auftreten und die Form eines Übergangswirbels) geklärt. Ein Unterschied in der Häufigkeit zwischen Rüden und Hündinnen war nicht festzustellen, Übergangswirbel kamen bei beiden Geschlechtern gleich häufig vor.

 

Zur Klärung der Frage, ob zwischen einem Übergangswirbel und einem CES ein Zusammenhang besteht, haben wir die Röntgenbilder von 92 Hunden mit nachgewiesenem CES nachgeprüft. Es zeigte sich, dass 15 von ihnen (16.3 %) einen Übergangswirbel aufwiesen. Die Stelle der Nervenschädigung lag stets zwischen dem letztem Lendenwirbel und dem Übergangswirbel.

 

Eine weitere Frage war, ob CES bei Hunden mit Übergangswirbeln früher auftritt als bei anderen Hunden. Bei der Durchsicht der 92 Hunde mit CES zeigte sich, dass das Durchschnittsalter der Hunde mit Übergangswirbel bei knapp 5 Jahren lag, bei jenen ohne Übergangswirbel bei rund 6 ½ Jahren.

 

Aus den gewonnen Daten lassen sich mehrere Schlüsse ziehen.

 

Hunde mit Übergangswirbel haben ein 5-mal höheres Risiko für CES als Hunde ohne Übergangswirbel. Wenn Übergangswirbel keinen Einfluss auf die Ausbildung eines CES hätten, sollten nur 3 der 92 CES Hunde einen solchen Übergangswirbel zeigen. Gezählt haben wir aber 15 Hunde. Die meisten von ihnen (12 der 15 Hunde) zeigen einen symmetrischen Übergangswirbel mit intermediären seitlichen Fortsätzen. Eine ähnliche Verteilung der Übergangswirbel-Typen finden wir auch bei den 4000 klinisch unauffälligen Hunden der HD-Gruppe. Wir schliessen daraus, dass die Form der seitlichen Fortsätze für die Entstehung von CES keine wesentliche Rolle spielt.

 

Hunde mit einem Übergangswirbel erkranken ein bis zwei Jahre früher am CES, als solche ohne Übergangswirbel. Diese Beobachtung lässt vermuten, dass die Fehlbildung zu einem vorzeitigen Verschleiss der Verbindung zwischen Lende und Kreuz und damit zu früheren klinischen Anzeichen der Krankheit führt. Wie ist diese Beobachtung zu erklären? In der Lendenwirbelsäule ist die Beweglichkeit zwischen den einzelnen Wirbeln am grössten im Übergang Kreuz - Lende. Aus Studien von Prof. Lang ist bekannt, dass bei Hunden mit einem Übergangswirbel im Lumbosakralgelenk die Beweglichkeit und Kraftverteilung verändert ist. Bei normalen Hunden überwiegt die Drehung, bei solchen mit einem Übergangswirbel hingegen die Parallelverschiebung. Diese führt vermehrt zu Scherkräften, was Schäden an der Bandscheibe und den Bändern der Wirbelsäule verursacht. Diese Schäden sind vermutlich ein Grund für das gehäufte Auftreten von CES bei Hunden mit einem Übergangswirbel. Eine weitere Ursache ist die veränderte Beweglichkeit des Übergangswirbels. Durch den Beckenkontakt ist er weniger beweglich. Als Folge werden der nächste kopfwärts gelegene Diskus sowie die Bänder und Gelenke übermässig belastet, sie degenerieren vorzeitig. Dies wiederum begünstigt eine Schädigung des Diskus und damit ein CES.

 

Ähnliche Beobachtungen wurden auch beim Menschen gemacht, wo Übergangswirbel zu Verengung des Wirbelkanals und der Nervenwurzelkanals, Arthrose der kleinen Wirbelgelenke und zu Diskusdegeneration unmittelbar kopfwärts des Übergangswirbels führen können. Beobachtet wurde auch, dass der Diskus zwischen Übergangswirbel und Kreuzbein nicht vollständig ausgebildet ist. Er besteht oftmals nur aus bindegewebigem Material und enthält kaum gallertiges Puffergewebe (Nukleusmaterial). Eine Diskushernie zwischen Übergangswirbel und Kreuzbein ist deshalb relativ selten zu beobachten, einfach weil gar kein Material für einen Vorfall vorhanden ist. Auch bei unseren Hunden fehlten Hinweise für eine Erkrankung der Zwischenwirbelscheibe zwischen Übergangswirbel und dem Kreuzbein.

 

Wird ein Übergangswirbel vererbt? Diese Frage können wir an Hand unserer Daten weder beweisen noch verwerfen, die Verwandtschaft der untersuchten Hunde ist nicht eng genug. Die unterschiedliche Häufung von Übergangswirbeln bei den verschiedenen Rassen und das gelegentliche Auftreten von mehreren Hunden mit Übergangswirbeln im selben Wurf lässt aber die Vermutung aufkommen, dass Übergangswirbel in der Tat erblich beeinflusst werden.

 

Was folgern wir daraus? Wenn sich unser Verdacht bestätigt, dass für das Auftreten eines Übergangswirbels eine genetische Veranlagung besteht, sollten Hunde mit Übergangswirbeln nicht zur Zucht verwendet werden. Es ist auch nicht ratsam, einen Hund mit einem Übergangswirbel einer teuren und zeitaufwändigen Ausbildung zu unterziehen, da er ein höheres Risiko hat, wegen einem CES vorzeitig aus der Arbeit auszuscheiden.

 

 


Tabelle 1: Übergangswirbel zwischen Lendenwirbelsäule und Kreuzbein bei verschiedenen Rassen

Rasse

Anzahl unter­suchter Hunde (mindestens 50/Rasse)

davon Hunde mit Übergangswirbel

davon Hunde mit Übergangswirbel (%)

Belgischer Tervueren

55

0

0.0

Appenzeller Sennenhund

50

0

0.0

Golden Retriever

244

1

0.4

Flat Coated Retriever

107

1

0.9

Bernhardiner

87

1

1.1

Rottweiler

87

1

1.1

Belgischer Malinois

78

1

1.3

Airedale Terrier

72

1

1.4

Berner Sennenhund

214

3

1.4

Sibirischer Husky

68

1

1.5

Labrador Retriever

263

4

1.5

Neufundländer

87

2

2.3

Deutscher Boxer

76

2

2.6

Leonberger

96

3

3.1

Border Collie

64

2

3.1

Berger de Brie

57

2

3.5

Eurasier

55

2

3.6

Hovawart

97

4

4.1

Weitere Rassehunde mit weniger als 50 unter­suchten Hunden pro Rasse

1279

56

4.4

Deutsche Dogge

60

3

5.0

Weisser Schäferhund

54

3

5.6

Deutscher Schäferhund

684

39

5.7

Grosser Schweizer Sennenhund

64

6

9.4

Total aller Hunde

4000

138

3.5

 

 

 

Abbildung 1:

Normale Anatomie am Kreuz-Lenden-Übergang. Der Hund liegt in Rückenlage. Der letzte Lendenwirbel trägt beidseits normal geformte Querfortsätze, das Kreuzbein besteht aus 3 verwachsenen Wirbeln.

Abbildung 2:

Zwischen Lendenwirbelsäule (oben) und Kreuzbein liegt ein Übergangswirbel. Er zeigt nur rechts im Bild einen normalen Querfortsatz, auf der linken Seite ist dieser mit dem Becken verwachsen. Die Verbindung zum Becken ist sehr asymmetrisch ausgebildet.

 

 Copyright Prof. Mark Flückiger, Vetsuisse Fakultät der Universität Zürich